AIDA Rundbrief 1 / 2011
Bericht aus Tanguá
Flávia - eine der Sozialmütter, die wir bereits kennen und die selbst als Kind hier betreut wurde - empfängt uns freudig und zeigt uns gleich, was sich alles seit unserem letzten Besuch getan hat (zum Glück wurden Tanguá und das Sítio nicht von den schweren Regenfällen getroffen, die in der Nähe zu schweren Erdrutschen mit Hunderten von Toten geführt hatten).Als Erstes betreten wir das große Hauptgebäude, in dem sich u.a. die Kinderkrippe, ein kleines Krankenzimmer, ein Bastel- und Malraum, ein Computerzimmer und eine Art kleine Kapelle befinden. Insbesondere die Kinderkrippe ist bei den Kleinen besonders beliebt, was auch die vielen bunten, gemalten Bilder an den Wänden zeigen.
Unser Besuch ist natürlich etwas Besonderes für die Kinder und so sind wir mittlerweile umringt von einer ganzen Schar, die uns auch alle ihre Zimmer zeigen wollen. Die Unterkünfte der Kinder befinden sich in den weißen, schönen Häusern, die man schon vom Einfahrtstor aus erkennen kann; nur das Haus der schon etwas älteren Jungen liegt ein wenig versteckt im hinteren Bereich des Sítios.
In jedem der Zimmer schlafen bis zu vier Kinder - getrennt nach Mädchen und Jungen und in etwa dem gleichen Alter. Stolz werden die Weihnachtsgeschenke präsentiert, die von der deutschen Gemeinde in Rio gekommen sind oder mit deutschen Spendengeldern gekauft wurden. Die Freude und Dankbarkeit der Kinder berührt uns sehr. Insbesondere, wenn man an die traurigen und teils unfassbaren Geschichten denkt, die jedes der Kinder erzählen könnte - von Misshandlungen, sexueller Gewalt, Hunger, Vernach-lässigung u.v.m.
Diese bedrückenden Schicksale kennt auch Luiz Otávio, der beim örtlichen Jugendamt von Tanguá arbeitet und mit dem wir befreundet sind. Er arbeitet eng mit dem Sítio zusammen und weiß von vielen Erfolgen zu berichten, wie es gelungen ist, Kindern wieder eine Zukunft zu schenken, aber auch von den Schwierigkeiten. Einem neuen Gesetz entsprechend soll beispielsweise die Zeit, die Kinder in Einrichtungen wie dem Sítio verbringen, auf zwei Jahre begrenzt sein. Dann müssen die Kinder entweder zurück in ihre Familien - was in der Praxis aufgrund drohender anhaltender Misshandlungen nur seltenst in Frage kommt -, zu nahen Verwandten, die sich um das Kind kümmern können (was ähnliche Probleme aufwirft), oder ihre Adoption muss erfolgt sein, was v.a. bei älteren Kindern und Jugendlichen fast unmöglich ist. Obgleich das Gesetz sicherlich nur das Beste für die Kinder will, bereitet es insofern teils erhebliche Schwierigkeiten für alle Beteiligten in der praktischen Umsetzung.
Blickt man dann aber erneut in die großen, strahlenden Kinderaugen, weiß man sofort wieder, dass sich jedes Engagement und jede Mühe für die Kinder lohnen, und wir haben großen Respekt vor der tollen Arbeit, die täglich auf dem Sítio geleistet wird.
Wir spazieren mit Flávia weiter über das Sítio, wo mittlerweile fast alles, was man braucht, selbst angebaut und gehegt wird: Mangos, Bananen, Acerola, Limetten, Orangen, Quiabo (Okraschoten), Kaffee, Paprika, Honig (es gibt eigene Bienenstöcke), Hühner, Schweine, Kühe u.v.m.
Und: Es geht immer weiter. Neue Anpflanzungen sind geplant, bestehende werden erweitert, das Sítio entwickelt sich kontinuierlich weiter. Als wir am ehemaligen Haus von Pater Heribert vorbeikommen, denke ich: Es ist unglaublich, was er angestoßen und geschaffen hat, und er wäre stolz darauf, zu sehen, wie sich hier alles fortentwickelt.
Bis zu unserem nächsten Besuch wird wohl wieder eine Weile vergehen, aber wir sind jetzt schon gespannt, was sich bis dahin alles Neues getan haben wird.
Mit besten Grüßen aus Tanguá
Isabella und Steffen